Handballzukunft

Förderverein für die Jugend-Handballabteilung der SG Düsseldorf Unterrath e.V.

Interviews mit Experten

Wir haben mit zwei Experten gesprochen, die sich wissenschaftlichen mit der Frage beschäftigen, inwieweit der Sport und das Trainieren im Verein Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung beeinflusst. Die Antworten gibt es hier in zwei Interviews:

 

Prof. Dr. Ralf Sygusch
Department für Sportwissenschaft und Sport
Arbeitsbereich Bildung im Sport
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg


Handballzukunft: Nehmen wir an, ein Kind hat großen Spaß am Handballspielen. Halten Sie es für richtig, dass es dann im Verein spielt?

Prof. Dr. Ralf Sygusch: Auf jeden Fall. Eine gewisse Regelmäßigkeit braucht es ja schon, um die Leute, mit denen man zusammen spielt, kennenzulernen. Damit man auch gemeinsam mit Freude und erfolgreich spielen kann. Insofern finde ich Regelmäßigkeit in Sportarten wie Handball enorm wichtig.

Handballzukunft: Technik und Fitness ist das eine, sagen Sie. Mindestens genauso wichtig seien aber Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Kooperationsfähigkeit und Teamgeist. Warum?

Sygusch: Damit man im Sport erfolgreich ist. Man weiß, dass selbstbewusste Spieler zum einen aufgrund von Erfolgserfahrungen motivierter sind. Zum anderen, und das finde ich viel wichtiger, lassen sie sich auf Situationen ein, bei denen sie etwas Neues lernen können, die unsicher und anspruchsvoll sind, auch auf Wettkampf-Situationen. Dafür braucht es Selbstbewusstsein, um solche Situationen erfolgreich gestalten zu können.

Handballzukunft: Hat das etwas damit zu tun, dass einem das Neue, Herausfordernde dann keine Angst macht?

Sygusch: Das ist dann reizvoll. Leute, die kein Selbstbewusstsein haben, kneifen eher vor solchen Situationen. Was subjektiv vernünftig ist, weil sie Angst vor Misserfolg haben. Aber das ist für den Sport nicht gewinnbringend.

Handballzukunft: Würden Sie denn sagen, dass man dieses Selbstbewusstsein im Sportverein lernen kann?

Sygusch: Ja, darauf sind ja unsere Empfehlungen ausgerichtet - da geben wir konkrete Hinweise für Training und Wettkampf! Prinzipiell wird gesagt: Sport macht selbstbewusst, Sport macht Kinder stark. Da bin ich zurückhaltend. Die Idee dahinter ist ja, dass Kinder Erfolgserfahrungen sammeln, die sie in ihrer Leistungsfähigkeit bestärken. Jetzt weiß man aber, dass es im Sport Erfolgserfahrungen, aber auch Misserfolgserfahrungen gibt. Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer.

Ob Selbstbewusstsein entsteht, hängt von vielen Dingen ab. Habe ich Erfolg oder nicht? Gewinne oder verliere ich? Das kann auch bedeuten, ob ich beim Training etwas lerne, ob ich mich verbessere. Das hängt maßgeblich davon ab, wie die Trainer damit umgehen. Es macht einen großen Unterschied, ob sie sagen: Jetzt hast du schon wieder daneben geworfen! Oder ob sie sagen: Das war noch nicht rund, aber es ist schon deutlich besser geworden!

Handballzukunft: Das heißt, man muss das Selbstbewusstsein im Sportverein aktiv fördern?

Sygusch: Ja. Wissenschaftliche Untersuchungen Anfang der 2000er-Jahre haben gezeigt, dass das nicht automatisch kommt. Und es herrschte bei den vielen Sportverbänden - so auch beim DHB -  schnell Einigkeit, dass man es nicht dem Zufall überlassen sollte, ob solche wünschenswerten Entwicklungen entstehen oder nicht.

Handballzukunft: Wenn die Kinder im Sportverein positive Eigenschaften wie Selbstbewusstsein und Kooperationsfähigkeit lernen – können ihnen diese auch in anderen Lebenssituationen helfen?

Sygusch: Nehmen wir das Thema Kooperationsfähigkeit. Da könnte man schon sagen, dass der Sportverein ein Probierfeld ist. Beim Sport muss man ja mit anderen Menschen kommunizieren, mit dem Trainer, mit den Mitspielern. Gerade im Handball muss man sich ja auch während des Wettkampfes knappe Anweisungen und Signale geben. Oder beispielsweise die Erfahrung, dass man im Handball nicht allein gewinnt, sondern im Team.

Das sind Anforderungen, die sich auch in anderen Lebenssituationen stellen. Aber ein erhoffter Transfer in den Alltag ist kein Automatismus. Aus zahlreichen Studien wissen wir, dass Erfahrungen im Sport nicht automatisch auf Selbstbewusstsein und Sozialkompetenz im Alltag wirken. Da braucht man ein sensibles Umfeld.

Handballzukunft: Sie sagen auch: Kein Selbstbewusstsein ohne Verbesserung der Leistungsfähigkeit. Was bedeutet das fürs Training?

Sygusch: Eine vorhandene Leistungsfähigkeit ist die Grundlage für sportliches Selbstbewusstsein. Wenn man keine Erfolge hat, wenn man nicht lernt, sich nicht verbessert, dann kann man auch nicht selbstbewusst werden. Insofern ist es eine wichtige Voraussetzung, dass man gut trainiert und dass man Fähigkeiten und Fertigkeiten erwirbt, um eine gute Basis für ein gesundes Selbstbewusstsein zu erhalten.

Handballzukunft: Gutes Training ist also so, dass die Kinder sich verbessern können und diese Verbesserungen an sich beobachten?

Sygusch: Ja. Das Entscheidende ist, dass die Kinder sich verbessern und dass sie das spüren. Dass sie erklären können, warum sie gewonnen oder etwas gelernt haben. Dieses Bewusstsein dafür, was man kann – das ist der entscheidende Punkt.

Handballzukunft: Sie haben viele Vorschläge gemacht, wie man das Training so aufbaut, dass man Selbstbewusstsein und Teamfähigkeit optimal fördert. Was ist aus ihrer Sicht besonders wichtig?

Sygusch: Ein wichtiges Kriterium ist, dass die Sportlerinnen und Sportler Teil des Trainings sind. Dass sie nicht trainiert werden im Sinne von Anweisungen bekommen und umsetzen. Sondern dass sie mitverantwortlich sind für den Trainingsprozess. Das ist bei 8-Jährigen natürlich anders als bei 16-Jährigen.

Mitreden können, sich selbst einschätzen können, gemeinsam mit dem Trainer Entwicklungen forcieren können, gefragt werden – an solchen Dingen teilzuhaben, das ist ein ganz wesentliches Moment.

Für Handball gibt es das wunderbare Beispiel der letzten WM der Männer. Da hat der Bundestrainer während der Time-Outs die Spieler gefragt: Wie würdet ihr spielen? Das ist eine große Power! Ich glaube, deshalb hat die Mannschaft auch ein größeres Selbstbewusstsein gehabt, einen größeren Zusammenhalt.

 

Prof. Dr. Erin Gerlach
Sportdidaktik, Schwerpunkt empirische Unterrichts- und Bildungsforschung
Universität Potsdam


Handballzukunft: Sie sagen, dass ein Sportverein den Kindern besonders in der Zeit helfen kann, in der sie auf die weiterführende Schule wechseln. Inwiefern?

Prof. Dr. Erin Gerlach: Der Übergang ist ja für viele eine kritische Lebensphase. Zum einen verliert man den Freundeskreis, weil sich die Kinder auf verschiedene Schulen aufteilen. Zum anderen kommt man in eine neue Gruppe, in der man sich erst zurechtfinden muss, in der das Leistungsniveau anders ist.

Bis zum Ende der Grundschulzeit hat der Glaube an die eigenen schulischen Leistungen das Selbstwertgefühl gesteigert, man wusste, wo man steht. Das wird in dieser Zeit in Frage gestellt, und das verunsichert.

Bei den Kindern im Sportverein bricht nicht alles weg. Sie haben eine weitere Bezugsgruppe, in der sie Freunde haben. Und sie haben den Glauben an die eigenen Kompetenzen im Sport. Und diese beiden Ressourcen wirken sich nachweislich auf das Selbstwertgefühl und das Wohlbefinden aus. Sie können ihr Wohlbefinden stabilisieren.

Handballzukunft: Also kann die Sicherheit im Sportverein die fehlende Sicherheit in der Schule ausgleichen?

Gerlach: Ja, das kann man empirisch nachweisen.

Handballzukunft:  Spielen dabei eher die anderen Kinder oder die Trainer eine wichtige Rolle?

Gerlach: Empirisch nachweisen konnten wir das lediglich mit Blick auf die gleichaltrigen Kinder. Aber ich kenne das aus eigener Erfahrung als Trainer. Der Trainer hat eine machtvolle Vorbildfunktion und mit der muss man sorgsam umgehen – zum Beispiel auch mit Blick auf das immer etwas kritische Thema Alkoholkonsum. Da spielt die Vorbildfunktion innerhalb des Vereins eine große Rolle.

Handballzukunft:  Abgesehen von der Zeit des Schulwechsels – kann der Sportverein in anderen Momenten besonders hilfreich sein?

Gerlach: Der Sport ist ein faszinierender Bereich, in dem man sich wiederfindet, in dem man seine Stärken ausleben kann. Das ist ein Stück Freiraum, in dem sich Kinder und Jugendliche bewegen können. Weiterhin bilden sich Freundschaften oft entlang gemeinsamer Interessen aus – so auch im Sportverein.

Man weiß zudem, dass vor allem jene Kinder im Verein bleiben, die schon vorher mit einem höheren Selbstwertgefühl ausgestattet sind. Sie finden einen Raum, in dem ein Stück weit ein unbeschwertes Aufwachsen stattfinden kann. Außerdem funktioniert die Rauchprävention im Sportverein wunderbar.

Handballzukunft: Gibt es weitere positive Effekte des Sportvereins?

Gerlach: Kinder mit einem höheren Glauben an ihre Fähigkeiten fühlen sich vom Sportverein stärker angezogen. Und bei diesen Kindern haben wir bei den Dritt- bis Achtklässlern leichte Effekte etwa mit Blick auf das Übergewicht beobachtet. Und selbst wenn es ein kleiner Effekt war, er ist schon bedeutsam.

Handballzukunft: Kann man die positiven Effekte eines Sportvereins zusätzlich unterstützen?

Gerlach: Man kann sich die Frage stellen, ob man nur ein Raum sein will, in dem Handball gespielt und - egal was passiert - Leistung erbracht wird, oder ob man ein Verein sein will, in dem sich Netzwerke gründen, in dem sich Freunde finden, in dem soziale Unterstützung angeboten wird. Und dann kann man mit Blick auf die Vereinskultur überlegen, was das beispielsweise für das Verhalten der Trainer in den Mannschaften bedeutet.

Das kann zum Beispiel bedeuten, dass man als Verein Wert darauf legt, die Kinder an den Verein zu binden. Dass man einen Generationenvertrag ausbildet, dass man zum Beispiel Co-Trainer aus den höheren Mannschaften hat, die bei den Kleinen schon als Vorbilder mitarbeiten.

Handballzukunft: Ist denn die Bindung an den Verein die Voraussetzung dafür, dass der Sportverein die Kinder positiv beeinflusst?

Gerlach: Davon ist auszugehen. Wenn die Bindung an den Verein am längsten ist, sind die positiven Effekte am größten.